Brüder, zur Sonne, zum Glück?

1 05 2008

„Bentham vor, würde ich sagen.“ Bricht hier jemand eine Lanze für den klassischen Liberalismus? Eher nein, zumindest wurde Richard Layards „Die glückliche Gesellschaft“ — vor drei Jahren erschienen und viel beachtet — ganz anders aufgefasst. Als Abkehr von alten Ansätzen, als grundlegende Neuorientierung für gesellschaftliches Zusammenleben und politisches Programm.

Trotzdem beginnt Layard zunächst bei Jeremy Bentham und übernimmt dessen grundlegendes Ziel: Die Gesellschaft als Summe ihrer Mitglieder soll das größtmögliche Glück erzielen. Doch wie kann dies erreicht werden? Wie sind insbesondere die Nettoeffekte von Maßnahmen zu bewerten, die manchen schaden und manchen nutzen? Der Liberalismus fand darauf eine sehr schlichte Antwort: Gar nicht. Das Glück verschiedener Menschen lässt sich nicht objektiv vergleichen, deshalb können wir nur solche Maßnahmen als gemeinwohlsteigernd identifizieren, denen alle Betroffenen zustimmen können, bei denen also niemand Verluste erfährt — hier liegt die Wurzel der liberalen Fokussierung auf das klassische Freiheitsziel. Eine Welt, in der jeder frei ist, sein eigenes Glück zu suchen ohne dabei das des Anderen zu beeinträchtigen, führt zum größten Gemeinwohl, das eine Gesellschaft erreichen kann.

Layards zentrales Verdienst ist es, an den Kern der Ideen zu erinnern, zu denen sich eine große Zahl Sonntagsliberaler vermeintlich bekennt. Es geht nicht um technologischen Fortschritt, nicht um Produktivität, nicht um Flexibilität und Mobilität, nein, es geht einzig und allein um Gemeinwohl. Natürlich brauchen Wissenschaft und Politik Proxies, die helfen, abgrenzbare Einzelaspekte zu analysieren oder messbare Zielgrößen liefern. Aber ihre Nutzung muss immer von einem stetigen Prozess des Hinterfragens begleitet werden, andernfalls droht eine grundlegende Fehlorientierung — dieser Appell ist notwendig und überfällig.

Auf halbem Wege verlässt Layard jedoch die liberale Argumentationslinie: „Glück ist messbar. [...] Noch sind diese Messungen sehr grob, aber wir stehen ja auch erst am Anfang einer revolutionären Entwicklung.“ Tatsächlich liefert die Glücksforschung täglich neue Ergebnisse von zunehmender empirischer Validität. Auch die Hirnforschung macht stetige Fortschritte im Verständnis menschlichen Glücksempfindens. Ist Layard also als Reformator zu feiern, der neue wissenschaftliche Erkenntnisse heranzieht, um dem Liberalismus die Fesseln der Freiheitsfixierung zu lösen? Und so neue Dimensionen an Gemeinwohl erreichbar macht?

Skepsis ist angebracht. Layards Wissenschaftsglaube wirkt in der Begeisterung des Außenstehenden für Ergebnisse aus Psychologie und Hirnforschung sehr naiv. Unser Wissen über die Wurzeln des Glücks und erst recht unsere Möglichkeiten einer Messung sind rudimentär. Und sie werden es auf absehbare Zeit auch bleiben. Deshalb macht Layard einen entscheidenden Fehler, wenn er die positive Analyse — mit der er wertvolle Impulse zu geben weiß! — verlässt und vorschnell normative Schlüssen zu ziehen versucht. So ist Layard zum Beispiel brillant, wenn er gesellschaftliches Ringen um Status und relatives Einkommen als verlustreichen Rüstungswettlauf modelliert; die hastig nachgeschobene Forderung nach höheren Steuern um Arbeitsanreize zu senken, schüttet dann jedoch das Kind mit dem Bade aus. Hier vermisst man jegliche argumentatorische Bedachtheit und die Bereitschaft, die selbst angestoßene Debatte auch ergebnisoffen zu führen.

Denn wer Studien der Glücksforschung bereits als politisches Programm liest macht sich so unfreiwillig zum Vordenker einer psychologischen Diktatur. Selbst wenn eine Regierung ausgestattet mit wissenschaftlichen Ergebnissen tatsächlich besser als wir selber wüsste, was gut für uns ist: Wer sagt uns, dass sie auch danach handelt? Hier müssen wir realistisch bleiben, das ordnungspolitische Instrumentarium, um uns vertrauensvoll in Regierungsvormundschaft zu begeben, haben wir nicht. Die Rolle der Politik muss darauf beschränkt bleiben, neue Lösungsvorschläge zu entwickeln und um die dafür notwendige Zustimmung der Bürger zu werben.

Layard hat mit seinem Werk nicht zu unrecht viel Beachtung erfahren. Die Anstöße zur Selbstreflexion von Wirtschaftswissenschaften und Politik sind in hohem Maße wertvoll. Kontraproduktiv und vielleicht sogar gefährlich ist aber die überstürzte Übersetzung in konkrete politische Maßnahmen. Es ist eine historische Leistung des Liberalismus, sich in Selbstbescheidung zu üben — das sollte bewahrt werden. Um die Freiheit auf dem Altar der Glücksforschung zu opfern, ist es entschieden zu früh. bk.