Mal in Moll gestimmt, mal unverhohlen jubilierend: Zwischen den Zeilen der Kommentare zur Finanzkrise wird immer öfter ein unüberhörbarer Abgesang auf den Kapitalismus angestimmt. Einigen wenigen verhelfe er zu exorbitanten Gewinnen, im Krisenfall lasse er sie aber ungeschoren davon kommen und bürde der Gemeinschaft die Verluste auf. Wachsende Ungleichheiten und die Demontage aller Sicherheiten im Leben der Menschen werden ihm angelastet; und in der politischen Diskussion sind die Begriffe „Regulierung“, „Zügelung des Marktes“ und „Verstaatlichung“ wieder hoffähig.
Parallelen zur Weltwirtschaftskrise werden oft gezogen — sie liegen auch auf der Hand. In den USA hatten zigtausende Aktionäre im Rausch steigender Kurse das Gefühl für Anlagerisiken verloren und rissen damit die Weltwirtschaft in ihre historisch tiefste Depression; angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation ging das Vertrauen in die Marktwirtschaft verloren, Verstaatlichung und Dirigismus hatten Konjunktur. Die Skepsis gegenüber freiheitlichen Systemen befiel auch den Bereich der Bürgerrechte und sollte in einigen Ländern sogar dem Totalitarismus in den Sattel helfen.
So in die Defensive gedrängt schlossen sich einige der verbliebenen Liberalen zur Mont Pèlerin Society zusammen. In dieser nach dem Tagungsort auf einem Schweizer Berg benannten Gesellschaft wurden die Lehren diskutiert, die aus der Krise des Kapitalismus zu ziehen sein. Die Antwort war eine Denkrichtung mit einem inzwischen intensiv missbrauchten Namen: Der Neoliberalismus. Entgegen häufiger Auffassungen forderte er mehr Staat als der frühe Laissez-faire-Liberalismus: Mehr Staat zum Schutz einer fairen Wettbewerbsordnung, mehr Staat zum Schutz des Einzelnen vor übermächtigen Interessengruppen; Wettbewerbsaufsicht und Kartellverbot waren die politischen Rezepte. Anfangs nur belächelt und von Schumpeter als „Ökonomen vom Berg“ verspottet, gewann die Mont Pèlerin Society mit ihren Ideen schnell an Einfluss und der Kapitalismus neue Akzeptanz — es war ein teilweise so nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback.
Ebenso ist es heute verfrüht, vom Spätherbst des Kapitalismus zu sprechen. Denn im Kern ist einfach nur eine simple Wahrheit erneut missachtet worden: Wo spekuliert wird, gibt es nicht nur Gewinne. Wenn allerdings im Herdentrieb sorglos mit Risiken gehandelt wird, die kaum jemand überblickt, gleichzeitig zu viel billiges Geld in die Wirtschaft gepumpt wird und ein fragwürdiges Ratingsystem Öl ins Feuer gießt, dann können die Verluste die gesamte Weltwirtschaft erschüttern. Die Spezialisten werden viel zu tun haben, um vergleichbare Krisen in der Zukunft zu verhindern — neue Vergütungssysteme für Bankmanager, mehr Transparenz bei Finanzprodukten und Rating, Schlussfolgerungen für die Zentralbankpolitik. Dann aber wird der Finanzmarkt ohne Zweifel wieder seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen können: Bereitstellung von Kapital und Streuung von Risiken zur Absicherung des Einzelnen.
Die Renovierung des Finanzsektors allein ist aber nicht ausreichend. Um den Kapitalismus zu rehabilitieren und das Vertrauen in seinen Wert für das Gemeinwohl wieder herzustellen, muss in einem ganz neuen Anlauf über den Liberalismus und seine in der heutigen Zeit wünschenswerte Gestalt nachgedacht werden. Grundlegend. Wie kann Menschen, die sich abgehängt fühlen, über kluge Sozial-, aber vor allem Bildungspolitik ein Zugang zum Markt geboten werden, der ihnen eine faire Chance bietet aufzuholen? Wie muss ein Wettbewerbsschutz aussehen, der verhindert, dass an der Spitze der Einkommensskala über Vetternwirtschaft und Absprachen das Leistungsprinzip ausgehebelt wird? Welcher internationalen Verträge oder Institutionen bedarf es, um die Freiheitsrechte auch derjenigen effektiv zu schützen, die in einer immer komplexer vernetzten Welt ansonsten keine Lobby haben? Und welche Hilfestellungen sind nötig, damit auch unterdurchschnittlich Risikofreudige ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigen können?
Die Marktwirtschaft hat zur Zeit eine derart miese Presse, dass die Chancen vielleicht gar nicht schlecht stehen für einen Neo-Neoliberalismus. Für einen der nicht als Schimpfwort taugt — dann kann die nächste Phase in der Geschichte des Kapitalismus eine gute und erfolgreiche werden. Zu hoffen ist, dass dafür schon irgendwo die geistigen Fundamente erdacht werden. Auf welchem Berg oder in welchem Tal auch immer. bk.
