Tatsächlich. Barack Obama hat die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Und die Welt jubelt — neben der Begeisterung über Charme und Charisma Obamas liegt das in erster Linie an der Hoffnung auf einen neuen außenpolitischen Kurs der USA: Schluss mit dem ruppigen Stil der Bush-Administration, Schluss mit der Besetzung des Irak, Schluss mit dem Abenteuer in Afghanistan. Allzu viele Probleme würde ein solcher Kurswechsel des neuen Präsidenten aber nicht lösen. Der Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak wird dem Land auch nicht zwangsläufig zu Stabilität verhelfen und in einem sich selbst überlassenen Afghanistan würden zunächst allenfalls die Schlafmohnfelder blühen.
„Was also sollte der Rest der Welt unternehmen? Nichts. Er sollte einfach zurücktreten und geschehen lassen.“ So wie der Londoner Historiker Gwynne Dyer (am 28. September in der FAS) positionierten sich zuletzt immer mehr Analysten der westlichen Außenpolitik. Das ist angesichts der Bilanz der jüngsten Interventionen nur verständlich — angeführt von Washingtoner Falken ist der Westen beim Versuch das Modell der liberalen Demokratie auch mit militärischen Mitteln zu verbreiten spektakulär auf die Nase gefallen. Schon im Vorhinein hatten viele Skeptiker prophezeit, dass keinen Stars and Stripes schwenkenden Jubel erwarten darf, wer die eigene Ordnung anderen selbstherrlich überzustülpen versucht. Denn sollen die neuen Regeln, Strukturen und Institutionen dauerhaft tragfähig sein, muss sie jedes Land letztlich selbst entwickeln. Und Vereinigte Staaten, die zugleich energie- und sicherheitspolitische Eigeninteressen verfolgen, können dabei ohnehin kein glaubwürdiger Makler sein. Deshalb ist Zurückhaltung und Demut das Gebot der Stunde.
Doch Kritiker des Interventionismus wie Dyer gehen noch weiter: Auch wenn „wahrscheinlich Blut fließen“ wird, sollten die westlichen Staaten nicht eingreifen, „weil es sie nichts angeht.“ Und damit gehen sie zu weit. Wer solchen Isolationismus predigt, ersetzt nämlich letztlich nur eine Form von Ignoranz durch eine andere. Das Leid des Mitmenschen sollte uns immer kümmern — und das auch auf dem Feld der internationalen Politik. Darum würde es sich der Westen zu einfach machen, wenn er mit Verweis auf Irak und Afghanistan fortan die Hände in Unschuld zu waschen versuchte.
Dass Barack Obama einen zurückhaltenderen Kurs in der Außenpolitik einschlagen und sich von den überhöhten weltpolitischen Ambitionen der Neocons verabschieden wird, das ist uneingeschränkt zu begrüßen: Der geordnete Rückzug aus dem Irak wird das Land zu mehr Eigenverantwortung zwingen und die Dialogbereitschaft gegenüber Iran und Syrien kann dem Nahen Osten neue Perspektiven eröffnen. Zu hoffen ist aber, dass Obama mit dieser Zurückhaltung nicht übers Ziel hinaus schießt und — etwa im Fall Afghanistans — eine isolationistische Scheuklappenpolitik wählt. Denn will er die grundlegenden Werte des Westens und die menschliche Mitleidfähigkeit nicht verraten, wird er bei aller gebotenen Vorsicht trotzdem noch im Blick behalten müssen, wo die Gemeinschaft des Westens Verantwortung übernehmen kann und muss. Auch wenn sie sich dabei die Finger schmutzig macht. bk.
