Flügel in Fesseln

14 03 2009

Ikarus fliegt mit wächsernen Flügeln über das Mittelmeer, steigt im Übermut höher und höher bis die Sonne das Wachs schmelzen lässt und er ins Meer stürzt: Fast unerschöpflicher Gleichnisschatz der griechischen Mythologie. Immer wiederkehrend weist die Menschheitsgeschichte im Kleinen wie im Großen diese Muster auf. Auch heute.

Als Warnung vor den Folgen von Größenwahn wird die Ikarussage in der Regel gelesen. Dabei stehen sehr positive menschliche Eigenschaften am Anfang der Geschichte: Kreativität und Erfindergeist. Ikarus und sein Vater Dädalus werden von Minos auf Kreta gefangen gehalten; da Minos die Schifffahrt kontrolliert, ist eine Flucht durch die Luft, die einzige Lösung. Und sie hätte auch funktioniert, hätte Ikarus die Grenzen und Risiken der Flügel besser verstanden, hätte er nicht auf halber Strecke im Überschwang zu hoch hinaus gewollt — sein Vater erreicht das Ziel ihrer Flucht, Sizilien, sicher.

Innovationen und Überforderungen gehen in der Geschichte oft Hand in Hand. Immer wieder überholt der Mensch sich mit intellektuellen Leistungen selber: Bahnbrechende Erfindungen haben in den begrenzten emotionalen und geistigen Fähigkeiten, damit auch umzugehen oft kein adäquates Gegengewicht. Der brennende Zeppelin Hindenburg, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki: Ausgangspunkt waren große wissenschaftliche Erfolge, deren Risiken jedoch nicht ausreichend verstanden wurden, deren Konsequenzen den Menschen mit seinen Schwächen Verführbarkeit, beschränkte Voraussicht sowie unreflektiertes Macht-, Prestige- und Reichtumstreben schlicht überforderten.

Auch die aktuelle Wirtschaftkrise gehört in diese Reihe. Am Anfang stand die Entwicklung moderner Finanzinstrumente, die in ihrer Grundidee hätten wohlstandfördernd sein können. Doch nach überaus erfolgreichen Jahren mit hohen Renditen und starken, positiven Impulsen für die Weltwirtschaft kam Ikarus der Sonne mal wieder zu nahe: Die Finanzinstrumente wurden verkompliziert, bis sie kaum noch jemand verstand, viele Akteure ergriff in der Euphorie ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, mit dem das Gespür für Risiken verloren ging.

Welche Lehren sind daraus zu ziehen? Bedachtheit lässt sich fordern, Selbstbeschränkung; in der Ikarussage warnt Dädalus seinen Sohn davor, der Sonne zu nahe zu kommen. Vielleicht ist dies also einmal mehr die Stunde des Konservatismus.  Appelle zur Bescheidenheit waren in der Geschichte immer wieder zu hören — bei der Erfindung der Eisenbahn wie in Diskussionen über moderne Gentechnik. Und die aktuellen Entwicklungen zeigen: Diese Warnungen haben durchaus ihre Berechtigung. Doch die Sache ist zweischneidig. Ohne Erfindergeist, ohne Kreativität gäbe es keinen Fortschritt, würde die Menschheit stetig auf der Stelle treten.

Es ist unklar, ob die Abstürze des Ikarus deshalb schlicht akzeptiert werden müssen — der Mensch hat vielleicht seine Schwächen, die ihn zwangsläufig immer wieder auch scheitern lassen werden. Oder ob sich ordnungspolitisch doch Antworten finden lassen, die menschlichen Unvollkommenheiten und Beschränkungen Rechnung tragen; Antworten, mit denen Erfindergeist in Bahnen gelenkt werden kann, die Missbrauch und Überforderung reduzieren. Alle modernen Finanzinstrumente nun einfach zu verbieten und Ikarus so die Flügel zu binden, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. bk.