Vor knapp zwei Monaten schaffte es die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit einer Entscheidung in die Schlagzeilen: Bei Anträgen auf Förderung soll in Zukunft nur noch die Angabe von fünf Publikationen als Ausweis der wissenschaftlichen Leistung akzeptiert werden. Mit diesem Schritt werde Qualität wieder stärker vor Quantität gestellt werden, so die DFG. Vielleicht ist das nur eine Kurskorrektur, vielleicht aber auch mehr: Vielleicht geht von dieser Entscheidung ein Impuls für ein grundlegendes Umdenken in der wissenschaftlichen Welt aus.
Solch ein Umdenken wäre dringend notwendig, denn die Wissenschaft hat sich zunehmend eine Kultur angeeignet, die sie in ihrer eigenen Entwicklung massiv bremst. Das Erkenntnisstreben und der Wunsch nach gesellschaftlichem Fortschritt haben ihre Bedeutung als Triebfedern weitgehend verloren, stattdessen wird fast nur noch auf sphäreninternes Prestige geschielt. Die Wahl der Forschungsfrage und der Untersuchungsmethode wird in Hinblick auf eine schnelle Publizierbarkeit getroffen und damit den aktuellen Moden unterworfen. Wenn ein bestimmtes empirisches Verfahren gerade besonders populär ist, wird es eben auch im siebten Paper auf die immer gleiche Hypothese angewandt. Der Erkenntnisgewinn geht zwar gegen null aber die Publikationsliste wächst und lässt beim quasi-pubertären Längenvergleich besser abschneiden.
Getragen wird diese Kultur von einem übermächtigen Quantifizierbarkeitsglauben; wissenschaftliche Leistung wird mit Publikationsindizes und der Platzierung in Forscherrankings gleichgesetzt. Der Respekt der Kollegen, die Vergabe von Lehrstühlen, auch die Bezahlung: Alles hängt von diesen Ziffern ab. Deshalb darf sich niemand wundern, wenn eine manisch veröffentlichende Wissenschaftlergeneration ihre Arbeit kaum noch auf das Ziel des großen Erkenntnisgewinns ausrichtet, schließlich soll schnell — und ohne großes Risiko des Scheiterns — Vorzeigbares produziert werden. Getragen wird der Fortschritt der Wissenschaft jedoch letztlich von intrinsischer Motivation; große Durchbrüche gingen immer auf die Neugier einzelner Forscher und das hartnäckige Ringen mit ungelösten Fragen zurück. In Maßen können zwar auch äußere Leistungsanreize ihren Beitrag leisten, doch die derzeitige Überbetonung erstickt den unverzichtbaren Eigenantrieb.
Die lange Zeit selbst dem Quantifizierbarkeitsglauben anhängende DFG hat das Lineal nun weggepackt; in Zukunft soll nicht mehr gezählt sondern gelesen werden. Falls dieses Signal die Wissenschaft dazu anregt, neu über die für ihre eigene Fortentwicklung fruchtbarsten Strukturen nachzudenken, wäre ihr damit ein großer Dienst erwiesen. bk.
