Unter der Bärentatze

3 11 2009

Gibt es in der Geistesgeschichte Konjunkturzyklen? Keine messbaren natürlich, doch der Eindruck einer langsamen, aber regelmäßigen Abfolge von Höhen und Tiefen drängt sich auf. Derzeit scheint insbesondere die Produktion gesellschaftspolitischer Ideen ein tiefes Tal zu durchschreiten. Der Tod Ralf Dahrendorfs am 17. Juni könnte sein Tiefpunkt gewesen sein.

Ralf Dahrendorf hat die große ideengeschichtliche Hausse im Nachkriegseuropa mit seinem Denken eng begleitet und teilweise geprägt. Er eröffnete eine neue Perspektive auf soziale Konflikte und wurde zum Vordenker der Bildungsexpansion im Deutschland der 1960er und 1970er Jahre. Insbesondere verkörperte er jedoch seit seiner berühmten Diskussion mit Rudi Dutschke eine Spezies, die nun trotz Helmut Schmidts telegenem Zigaretten Rauchen vorläufig ausgestoben zu sein scheint: Dahrendorf war zugleich politischer Intellektueller und intellektueller Politiker.

Die Köpfe, die diese Lücke füllen könnten sind noch nicht zu sehen — weder in der politischen, noch in der akademischen Sphäre. Die deutsche Politik mit Angela Merkel an der Spitze ist von einem nüchternen Handwerkerethos geprägt, Intellektualität ist nicht en vogue. Die Sozialwissenschaften geben sich ihrerseits quer durch die einzelnen Disziplinen internen Schönheitswettbewerben hin, in denen politische Relevanz keine Rolle spielt.

Gesellschaftspolitische Ideen sind so zu einem knappen Gut geworden. Der Globalisierungsschub seit Ende des Kalten Krieges mit seinen vielfältigen Auswirkungen, die sich verschärfende Klimakatastrophe und die informationstechnologische Revolution wurden nicht von maßgeblichen neuen Antworten begleitet. Vor allem der die letzten Jahrzehnte in der westlichen Hemisphäre dominierende Liberalismus hat es dabei versäumt, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen; auf dem von Fukuyma gezimmerten Siegerpodest degenerierte er endgültig zum dürren Wachstumsparadigma. Die Konkurrenz schläft derweil aber ganz genauso.

Natürlich lassen sich neue Ideen und Antworten nicht erzwingen — doch wie in der Wirtschaft kann der Aufschwung durch Investitionen befördert werden. Im Bereich gesellschaftspolitischer Diskurse bedeutet investieren das Formulieren von Fragen. Dafür gibt es kaum Anerkennung, im Gegenteil wird dem Fragesteller zunächst meist vorgeworfen, sinnlos common sense zu verbalisieren. Er erfüllt jedoch für Debatten eine essentielle Funktion: Mit der Frage führt er eine Problemstellung ein und bündelt die Aufmerksamkeit, wodurch die entscheidenden Anreize für eine nachdrückliche Antwortsuche überhaupt erst gesetzt werden.

Auch hier ist Ralf Dahrendorf in seinen letzten Lebensjahren noch einmal vorweg gegangen. Die intellektuelle Baisse nicht akzeptierend hat er sich in mehreren Vorlesungen auf die Suche nach einer „Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert“ begeben. Mit geradezu jugendlichem Nachdruck legt er darin Probleme frei und drängt auf neue Antworten. Diesen Faden gilt es aufzunehmen — vielleicht steht an seinem Ende die nächste Blüte intelligenter Debatten, vielleicht wird an seinem Ende die erste große gesellschaftspolitische Idee des neuen Jahrtausends gedacht.  bk.





Regeln und Spieler

11 09 2009

Vor ziemlich genau zwei Monaten wurde die päpstliche Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ veröffentlicht. Sie verstand sich selbst als Beitrag zur Debatte um die Finanzkrise und als Mahnung an die am nächsten Tag zusammentreffenden Regierungschefs der G8-Staaten. In Zeitungskommentaren wurde jedoch nur ein Bild nebulöser Globalisierungskritik gezeichnet. Und wer sich daraufhin auf eigene Faust an das gut fünfzigseitige Dokument heranwagte, war als theologisch unbelasteter Leser am Ende schlicht ratlos: Globalisierung kann nur mit Liebe gelingen, das ungefähr blieb hängen. Sicher, in der Schrift steckt viel mehr — ein konstruktiv verwertbarer Impuls für den G8-Gipfel aber sicher nicht.

Die Enzyklika stellt sich selbst ein Bein, indem sie gleichzeitig einen Beitrag zu politischen und geistlichen Debatten leisten will. Dabei ignoriert sie, dass diese Debatten nach völlig unterschiedlichen Paradigmen funktionieren. In unserer westlich liberalen Gesellschaft ist das Verständnis von politischem Gestalten sehr stark von dem zentralen ordnungspolitischen Grundsatz geprägt: „It’s easier to change the rules than to change the players.“ Der Mensch ist, wie er ist — wer die Welt verändern will, der muss am Regelrahmen feilen. Demgegenüber haben religiöse Gruppen ganz andere Ambitionen. Bei ihnen geht es gerade darum die Spieler zu ändern, sie zum „Guten“ zu führen.

Es ist die Stärke einer Trennung von Kirche und Staat, dass der Anspruch, den Menschen zu verändern einerseits und weltliche Macht andererseits nicht in einer Hand liegen. Das schützt vor totalitären Tendenzen und bedeutet im besten Fall erfolgreiche Arbeitsteilung. Eine Missachtung des diametralen Gegensatzes in der Perspektive führt jedoch zu einem großem Durcheinander — wenn die Kirchen politische Empfehlungen aussprechen, die von einem idealisierten Menschenbild ausgehen, ist das bestenfalls wertlos.

Das muss nicht heißen, dass religiösen Gruppen jegliche politische Positionierung verwehrt bleiben sollte. Im Gegenteil ist es wichtig, dass Instanzen hin und wieder auch an die individuelle, moralische Verantwortlichkeit erinnern — denn das perfekte Regelwerk gibt es nicht. Eine solche konstruktive gesellschaftliche Rolle werden die Kirchen jedoch nur einnehmen können, wenn sie zwischen Regeln und Spielern sauber unterscheiden. Andernfalls werden sie weder das eine noch das andere ändern können. bk





Vorhang auf!

25 04 2009

Sechs Prozent. Minus. So die neusten Konjunkturprognosen für Deutschland und mindestens das Vorzeichen wird auch im kommenden Jahr nicht anders aussehen. Im aktuellen Quartal werden die roten Zahlen sogar nur noch knapp einstellig sein. Meinen die das ernst? Natürlich meinen die das ernst, klar, aber es klingt alles unsagbar unwirklich. Es gab zwar die zähe Stagnation am Anfang des Jahrzehnts mit meist nur einem knappen Prozent Wachstum, quartalsweise sogar Rückgängen. Aber minus sechs Prozent? Das klingt nach wilden Zwanzigern. Unterlegt mit dem Knistern alter Filmaufnahmen von Schlange stehenden Männern mit Hüten, alles in schwarz-weiß. Mit heute schien das jedenfalls nichts zu tun zu haben, da wähnten wir uns inzwischen doch in sehr viel ruhigeren Gewässern. Vorbei.

Doch seltsamerweise ist die Reaktion nicht nur Sorge und Ernst, es schwingt auch anderes mit. Etwas Neugier, Spannung, kühles Schaudern vor dem Unbekannten: Die Krise als das kleine bisschen Horrorshow. Wenigstens passiert endlich mal was, die Gegenwart wird historischer. Es gab zwar die Wendejahre, aber die sind inzwischen doch schon eine Weile her, auch der 11. September roch zunächst nach Zeitenwechsel blieb aber letztlich ohne größeren Einfluss auf unser eigenes Leben. Nun also die schwerste Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg: Wir sind gespannt.

Noch ist völlig unklar, wie die extremen Prognosezahlen in unsere Lebenswirklichkeit übersetzt werden. Die im Hintergrund mitlaufenden Bilder von leeren Regalen und Zeltlagern stammen bisher alle aus dem Ausland — wie wird es hier in den nächsten Monaten aussehen? Ein Bekannter, der in Kurzarbeit muss, telegen ernste Politiker, aber sonst alles beim Alten? Oder kommt es doch dicker: Konkurse, Entlassungen, spürbar steigende Preise und sogar die von Schwan und Sommer prophezeiten sozialen Unruhen mit brennenden Barrikaden und Plünderungen? Das klingt dann doch arg dick aufgetragen. Mittelfristig wird das soziale Netz in Deutschland vermutlich schon einigermaßen halten, das Begleichen der Rechnung werden wir wohl auch noch eine Weile aufschieben können. Aber ganz sicher wissen wir es natürlich nicht, die Situation ist neu, vergleichbares unbekannt: Genau das macht ja gerade den Grusel aus.

In zwei Jahren werden wir mehr wissen. Und wir können hoffen, dass wir dann der Fratze des wirtschaftlichen Absturzes zwar in die Augen gesehen haben, aber doch mit einem leichten Schaudern davon gekommen sind. Sollte es anders laufen, werden wir gruselnde Neugier schnell bereuen, auf der Bühne ist die kleine Horrorshow nämlich kein Spaß mehr. Aber erst wenn sich nun der Vorhang hebt, werden wir sehen, auf welcher Seite wir sitzen. bk.





Flügel in Fesseln

14 03 2009

Ikarus fliegt mit wächsernen Flügeln über das Mittelmeer, steigt im Übermut höher und höher bis die Sonne das Wachs schmelzen lässt und er ins Meer stürzt: Fast unerschöpflicher Gleichnisschatz der griechischen Mythologie. Immer wiederkehrend weist die Menschheitsgeschichte im Kleinen wie im Großen diese Muster auf. Auch heute.

Als Warnung vor den Folgen von Größenwahn wird die Ikarussage in der Regel gelesen. Dabei stehen sehr positive menschliche Eigenschaften am Anfang der Geschichte: Kreativität und Erfindergeist. Ikarus und sein Vater Dädalus werden von Minos auf Kreta gefangen gehalten; da Minos die Schifffahrt kontrolliert, ist eine Flucht durch die Luft, die einzige Lösung. Und sie hätte auch funktioniert, hätte Ikarus die Grenzen und Risiken der Flügel besser verstanden, hätte er nicht auf halber Strecke im Überschwang zu hoch hinaus gewollt — sein Vater erreicht das Ziel ihrer Flucht, Sizilien, sicher.

Innovationen und Überforderungen gehen in der Geschichte oft Hand in Hand. Immer wieder überholt der Mensch sich mit intellektuellen Leistungen selber: Bahnbrechende Erfindungen haben in den begrenzten emotionalen und geistigen Fähigkeiten, damit auch umzugehen oft kein adäquates Gegengewicht. Der brennende Zeppelin Hindenburg, die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki: Ausgangspunkt waren große wissenschaftliche Erfolge, deren Risiken jedoch nicht ausreichend verstanden wurden, deren Konsequenzen den Menschen mit seinen Schwächen Verführbarkeit, beschränkte Voraussicht sowie unreflektiertes Macht-, Prestige- und Reichtumstreben schlicht überforderten.

Auch die aktuelle Wirtschaftkrise gehört in diese Reihe. Am Anfang stand die Entwicklung moderner Finanzinstrumente, die in ihrer Grundidee hätten wohlstandfördernd sein können. Doch nach überaus erfolgreichen Jahren mit hohen Renditen und starken, positiven Impulsen für die Weltwirtschaft kam Ikarus der Sonne mal wieder zu nahe: Die Finanzinstrumente wurden verkompliziert, bis sie kaum noch jemand verstand, viele Akteure ergriff in der Euphorie ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, mit dem das Gespür für Risiken verloren ging.

Welche Lehren sind daraus zu ziehen? Bedachtheit lässt sich fordern, Selbstbeschränkung; in der Ikarussage warnt Dädalus seinen Sohn davor, der Sonne zu nahe zu kommen. Vielleicht ist dies also einmal mehr die Stunde des Konservatismus.  Appelle zur Bescheidenheit waren in der Geschichte immer wieder zu hören — bei der Erfindung der Eisenbahn wie in Diskussionen über moderne Gentechnik. Und die aktuellen Entwicklungen zeigen: Diese Warnungen haben durchaus ihre Berechtigung. Doch die Sache ist zweischneidig. Ohne Erfindergeist, ohne Kreativität gäbe es keinen Fortschritt, würde die Menschheit stetig auf der Stelle treten.

Es ist unklar, ob die Abstürze des Ikarus deshalb schlicht akzeptiert werden müssen — der Mensch hat vielleicht seine Schwächen, die ihn zwangsläufig immer wieder auch scheitern lassen werden. Oder ob sich ordnungspolitisch doch Antworten finden lassen, die menschlichen Unvollkommenheiten und Beschränkungen Rechnung tragen; Antworten, mit denen Erfindergeist in Bahnen gelenkt werden kann, die Missbrauch und Überforderung reduzieren. Alle modernen Finanzinstrumente nun einfach zu verbieten und Ikarus so die Flügel zu binden, kann jedenfalls nicht die Lösung sein. bk.





The End of Bling-Bling

9 12 2008

„There is a latent reaction, somewhat widespread, against basing society to the extent that we do upon fostering, encouraging, and protecting the money-motives of individuals. [...] Our problem is to work out a social organisation which shall be as efficient as possible without offending our notions of a satisfactory way of life.“ — mehr als achtzig Jahre alt sind diese Sätze aus Keynes’ Essay „The End of Laissez-faire“. Doch seine Diagnose eines zutiefst ambivalenten Verhältnisses des Menschen zum Kapitalismus ist aktueller denn je.

Zwar ist die grundsätzliche Überlegenheit des kapitalistischen Systems allgemein anerkannt, doch in seinem Wesen ist es den meisten herzlich unsympathisch. Denn dass man den Menschen bei seinem Eigennutzstreben packen muss, wenn der Laden vernünftig laufen soll: Geschenkt. Aber unsere Vorstellung von der besten aller Welten sieht sicherlich anders aus. Auch im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise ist es gar nicht in erster Linie die drohende Rezession, die dem System angelastet wird, stattdessen wird ihm vorgeworfen, den menschlichen Charakter zu verderben und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören. Wie tief das Unbehagen sitzt, zeigt die plötzliche Inflation von Begriffen wie Demut, Rechtschaffenheit und Rücksichtnahme. Eine wie auch immer geartete Kaufmannsethik wird beschworen.

„We need a new set of convictions which spring naturally from a candid examination of our own inner feelings in relation to the outside facts.“ — so schließt Keynes sein Essay. Und ausgerechnet die von ihm vehement abgelehnte Schule der Neoliberalen stellte Überlegungen in diese Richtung an: Nach der Weltwirtschaftskrise setzte sich dort nämlich zunächst die Einsicht durch, dass das Wirtschaftssystem des Kapitalismus dringend einer gesellschaftlichen Wertebasierung bedürfe. Doch leider ging dieser Gedanke durch die frühe Spaltung der Gruppe wieder verloren; dabei könnte genau hier ein Ansatzpunkt liegen. Denn schließlich ist es nicht die Freiheit, nicht die Förderung von Erfindergeist und nicht die Belohnung von Leistung, die den Kapitalismus für viele abstoßend machen. Nein, es ist seine Lifestyle-Ausprägung: Arroganz, Rücksichtslosigkeit und Geprotze. Hier fehlt ein Gegengewicht, das daran erinnert, dass die Freiheit nach Wohlstand zu streben Gier noch lange nicht zu einer Tugend macht.

Vielleicht nimmt die aktuelle Wirtschaftskrise dem Bling-Bling-Habitus seinen Sexappeal. Dann würde sie den Kapitalismus endlich auf das zurückstutzen, was er im Kern ist: Wirtschaftsordnung. Denn nur wenn die Gesellschaft ihre Werte aus anderen Quellen bezieht und die Mechanik des Kapitalismus nicht über den Wirtschaftsraum hinaus in alle Lebensräume des Menschen hineinwuchert, kann er auf dauerhafte Akzeptanz hoffen. Nur dann wird er seinen Beitrag zu einem „satisfactory way of life“ leisten können. bk.





Der Berg ruft

12 10 2008

Mal in Moll gestimmt, mal unverhohlen jubilierend: Zwischen den Zeilen der Kommentare zur Finanzkrise wird immer öfter ein unüberhörbarer Abgesang auf den Kapitalismus angestimmt. Einigen wenigen verhelfe er zu exorbitanten Gewinnen, im Krisenfall lasse er sie aber ungeschoren davon kommen und bürde der Gemeinschaft die Verluste auf. Wachsende Ungleichheiten und die Demontage aller Sicherheiten im Leben der Menschen werden ihm angelastet; und in der politischen Diskussion sind die Begriffe „Regulierung“, „Zügelung des Marktes“ und „Verstaatlichung“ wieder hoffähig.

Parallelen zur Weltwirtschaftskrise werden oft gezogen — sie liegen auch auf der Hand. In den USA hatten zigtausende Aktionäre im Rausch steigender Kurse das Gefühl für Anlagerisiken verloren und rissen damit die Weltwirtschaft in ihre historisch tiefste Depression; angesichts von Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation ging das Vertrauen in die Marktwirtschaft verloren, Verstaatlichung und Dirigismus hatten Konjunktur. Die Skepsis gegenüber freiheitlichen Systemen befiel auch den Bereich der Bürgerrechte und sollte in einigen Ländern sogar dem Totalitarismus in den Sattel helfen.

So in die Defensive gedrängt schlossen sich einige der verbliebenen Liberalen zur Mont Pèlerin Society zusammen. In dieser nach dem Tagungsort auf einem Schweizer Berg benannten Gesellschaft wurden die Lehren diskutiert, die aus der Krise des Kapitalismus zu ziehen sein. Die Antwort war eine Denkrichtung mit einem inzwischen intensiv missbrauchten Namen: Der Neoliberalismus. Entgegen häufiger Auffassungen forderte er mehr Staat als der frühe Laissez-faire-Liberalismus: Mehr Staat zum Schutz einer fairen Wettbewerbsordnung, mehr Staat zum Schutz des Einzelnen vor übermächtigen Interessengruppen; Wettbewerbsaufsicht und Kartellverbot waren die politischen Rezepte. Anfangs nur belächelt und von Schumpeter als „Ökonomen vom Berg“ verspottet, gewann die Mont Pèlerin Society mit ihren Ideen schnell an Einfluss und der Kapitalismus neue Akzeptanz — es war ein teilweise so nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback.

Ebenso ist es heute verfrüht, vom Spätherbst des Kapitalismus zu sprechen. Denn im Kern ist einfach nur eine simple Wahrheit erneut missachtet worden: Wo spekuliert wird, gibt es nicht nur Gewinne. Wenn allerdings im Herdentrieb sorglos mit Risiken gehandelt wird, die kaum jemand überblickt, gleichzeitig zu viel billiges Geld in die Wirtschaft gepumpt wird und ein fragwürdiges Ratingsystem Öl ins Feuer gießt, dann können die Verluste die gesamte Weltwirtschaft erschüttern. Die Spezialisten werden viel zu tun haben, um vergleichbare Krisen in der Zukunft zu verhindern — neue Vergütungssysteme für Bankmanager, mehr Transparenz bei Finanzprodukten und Rating, Schlussfolgerungen für die Zentralbankpolitik. Dann aber wird der Finanzmarkt ohne Zweifel wieder seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen können: Bereitstellung von Kapital und Streuung von Risiken  zur Absicherung des Einzelnen.

Die Renovierung des Finanzsektors allein ist aber nicht ausreichend. Um den Kapitalismus zu rehabilitieren und das Vertrauen in seinen Wert für das Gemeinwohl wieder herzustellen, muss in einem ganz neuen Anlauf über den Liberalismus und seine in der heutigen Zeit wünschenswerte Gestalt nachgedacht werden. Grundlegend. Wie kann Menschen, die sich abgehängt fühlen, über kluge Sozial-, aber vor allem Bildungspolitik ein Zugang zum Markt geboten werden, der ihnen eine faire Chance bietet aufzuholen? Wie muss ein Wettbewerbsschutz aussehen, der verhindert, dass an der Spitze der Einkommensskala über Vetternwirtschaft und Absprachen das Leistungsprinzip ausgehebelt wird? Welcher internationalen Verträge oder Institutionen bedarf es, um die Freiheitsrechte auch derjenigen effektiv zu schützen, die in einer immer komplexer vernetzten Welt ansonsten keine Lobby haben? Und welche Hilfestellungen sind nötig, damit auch unterdurchschnittlich Risikofreudige ihr Sicherheitsbedürfnis befriedigen können?

Die Marktwirtschaft hat zur Zeit eine derart miese Presse, dass die Chancen vielleicht gar nicht schlecht stehen für einen Neo-Neoliberalismus. Für einen der nicht als Schimpfwort taugt — dann kann die nächste Phase in der Geschichte des Kapitalismus eine gute und erfolgreiche werden. Zu hoffen ist, dass dafür schon irgendwo die geistigen Fundamente erdacht werden. Auf welchem Berg oder in welchem Tal auch immer. bk.





Brüder, zur Sonne, zum Glück?

1 05 2008

„Bentham vor, würde ich sagen.“ Bricht hier jemand eine Lanze für den klassischen Liberalismus? Eher nein, zumindest wurde Richard Layards „Die glückliche Gesellschaft“ — vor drei Jahren erschienen und viel beachtet — ganz anders aufgefasst. Als Abkehr von alten Ansätzen, als grundlegende Neuorientierung für gesellschaftliches Zusammenleben und politisches Programm.

Trotzdem beginnt Layard zunächst bei Jeremy Bentham und übernimmt dessen grundlegendes Ziel: Die Gesellschaft als Summe ihrer Mitglieder soll das größtmögliche Glück erzielen. Doch wie kann dies erreicht werden? Wie sind insbesondere die Nettoeffekte von Maßnahmen zu bewerten, die manchen schaden und manchen nutzen? Der Liberalismus fand darauf eine sehr schlichte Antwort: Gar nicht. Das Glück verschiedener Menschen lässt sich nicht objektiv vergleichen, deshalb können wir nur solche Maßnahmen als gemeinwohlsteigernd identifizieren, denen alle Betroffenen zustimmen können, bei denen also niemand Verluste erfährt — hier liegt die Wurzel der liberalen Fokussierung auf das klassische Freiheitsziel. Eine Welt, in der jeder frei ist, sein eigenes Glück zu suchen ohne dabei das des Anderen zu beeinträchtigen, führt zum größten Gemeinwohl, das eine Gesellschaft erreichen kann.

Layards zentrales Verdienst ist es, an den Kern der Ideen zu erinnern, zu denen sich eine große Zahl Sonntagsliberaler vermeintlich bekennt. Es geht nicht um technologischen Fortschritt, nicht um Produktivität, nicht um Flexibilität und Mobilität, nein, es geht einzig und allein um Gemeinwohl. Natürlich brauchen Wissenschaft und Politik Proxies, die helfen, abgrenzbare Einzelaspekte zu analysieren oder messbare Zielgrößen liefern. Aber ihre Nutzung muss immer von einem stetigen Prozess des Hinterfragens begleitet werden, andernfalls droht eine grundlegende Fehlorientierung — dieser Appell ist notwendig und überfällig.

Auf halbem Wege verlässt Layard jedoch die liberale Argumentationslinie: „Glück ist messbar. [...] Noch sind diese Messungen sehr grob, aber wir stehen ja auch erst am Anfang einer revolutionären Entwicklung.“ Tatsächlich liefert die Glücksforschung täglich neue Ergebnisse von zunehmender empirischer Validität. Auch die Hirnforschung macht stetige Fortschritte im Verständnis menschlichen Glücksempfindens. Ist Layard also als Reformator zu feiern, der neue wissenschaftliche Erkenntnisse heranzieht, um dem Liberalismus die Fesseln der Freiheitsfixierung zu lösen? Und so neue Dimensionen an Gemeinwohl erreichbar macht?

Skepsis ist angebracht. Layards Wissenschaftsglaube wirkt in der Begeisterung des Außenstehenden für Ergebnisse aus Psychologie und Hirnforschung sehr naiv. Unser Wissen über die Wurzeln des Glücks und erst recht unsere Möglichkeiten einer Messung sind rudimentär. Und sie werden es auf absehbare Zeit auch bleiben. Deshalb macht Layard einen entscheidenden Fehler, wenn er die positive Analyse — mit der er wertvolle Impulse zu geben weiß! — verlässt und vorschnell normative Schlüssen zu ziehen versucht. So ist Layard zum Beispiel brillant, wenn er gesellschaftliches Ringen um Status und relatives Einkommen als verlustreichen Rüstungswettlauf modelliert; die hastig nachgeschobene Forderung nach höheren Steuern um Arbeitsanreize zu senken, schüttet dann jedoch das Kind mit dem Bade aus. Hier vermisst man jegliche argumentatorische Bedachtheit und die Bereitschaft, die selbst angestoßene Debatte auch ergebnisoffen zu führen.

Denn wer Studien der Glücksforschung bereits als politisches Programm liest macht sich so unfreiwillig zum Vordenker einer psychologischen Diktatur. Selbst wenn eine Regierung ausgestattet mit wissenschaftlichen Ergebnissen tatsächlich besser als wir selber wüsste, was gut für uns ist: Wer sagt uns, dass sie auch danach handelt? Hier müssen wir realistisch bleiben, das ordnungspolitische Instrumentarium, um uns vertrauensvoll in Regierungsvormundschaft zu begeben, haben wir nicht. Die Rolle der Politik muss darauf beschränkt bleiben, neue Lösungsvorschläge zu entwickeln und um die dafür notwendige Zustimmung der Bürger zu werben.

Layard hat mit seinem Werk nicht zu unrecht viel Beachtung erfahren. Die Anstöße zur Selbstreflexion von Wirtschaftswissenschaften und Politik sind in hohem Maße wertvoll. Kontraproduktiv und vielleicht sogar gefährlich ist aber die überstürzte Übersetzung in konkrete politische Maßnahmen. Es ist eine historische Leistung des Liberalismus, sich in Selbstbescheidung zu üben — das sollte bewahrt werden. Um die Freiheit auf dem Altar der Glücksforschung zu opfern, ist es entschieden zu früh. bk.





Biedermeier reloaded

9 03 2008

„Vollglück in der Beschränkung“ heißt es beim Dichter Jean Paul. Nicht die Überwindung der äußeren Umstände soll angestrebt werden, vielmehr gilt es, das persönliche Glück innerhalb der gegebenen Verhältnisse zu suchen.

Mit dem Ende der napoleonischen Zeit begrub das Bürgertum in Deutschland und der Donaumonarchie seine zwischenzeitlich gehegten politischen Ambitionen. Die Restauration schien eine politische und gesellschaftliche Ordnung endgültig zu manifestieren; man ergab sich in die Verhältnisse und fokussierte sein Streben nach Glück auf den privaten Raum. Dabei entstand eine eigene Kultur des Bürgertums — behagliche Wohnräume, Landschaftsmalerei, Hausmusik.

Anderthalb Jahrhunderte später sieht Fukuyama mit dem Fall des Eisernen Vorhangs „das Ende der Geschichte“ erreicht — nach dem historischen Scheitern der Gegenentwürfe zum Kapitalismus und dem Untergang der heilsversprechenden Ideologien des 20. Jahrhunderts erweckt die Welt- und Gesellschaftsordnung erneut den Anschein des Endgültigen und Unabänderlichen. Der Bedeutungsverlust traditioneller politischer Wirkungskanäle, der komplizierte Frontverlauf in globalen wie gesellschaftlichen Konflikten und die zunehmende Globalisierung geben dem Einzelnen das Gefühl nur noch eine atomistische Rolle zu spielen. Gleichzeitig sieht sich die Nach-Wendegeneration extremen Herausforderungen gegenüber: den Klimawandel aufhalten, den „clash of civilizations“ abfedern, die zunehmenden sozialen Ungleichgewichte in der ersten und die unverminderte Armut in der dritten Welt überwinden — dies alles scheint kaum noch bewältigbar, Lösungsansätze oder gar zugkräftige Ideen und Visionen werden nicht angeboten.

Der Griff nach Scheuklappen ist deshalb nur menschlich; man versucht sich in den Winkeln des vorgefundenen Systems so gut wie möglich einzurichten. Dabei tritt die Betonung der beruflichen Karriere und des familiären Glücks an die Stelle der politischen Ambition, die als Jugendsünde der Elterngeneration belächelt wird. Die Politik wird mehr recht als schlecht ignoriert, Raum für Persönlichkeitsentfaltung müssen Kleidung, Musikgeschmack und Einrichtung bieten.

So verständlich dieses politische Sich-tot-stellen auch sein mag, der Mangel an persönlicher Einflussnahme birgt Gefahren. Anders als im Biedermeier ist der Einzelne nicht mit Zensur und durch Karlsbader Beschlüsse beschnittenen Freiheitsrechten konfrontiert, deshalb ist der Verzicht auf verbliebene Gestaltungsspielräume fahrlässig. Denn letztlich wird die Geschichte unbeirrt weitergehen, auch das 21. Jahrhundert wird sein Jahr ‘48 haben — und es liegt in den Händen der nun in die Verantwortung wachsenden Generation, ob die Gesellschaft dann ihrem „Vollglück“ einen Schritt näher kommt oder es unvorbereitet verspielt. bk.