Gibt es in der Geistesgeschichte Konjunkturzyklen? Keine messbaren natürlich, doch der Eindruck einer langsamen, aber regelmäßigen Abfolge von Höhen und Tiefen drängt sich auf. Derzeit scheint insbesondere die Produktion gesellschaftspolitischer Ideen ein tiefes Tal zu durchschreiten. Der Tod Ralf Dahrendorfs am 17. Juni könnte sein Tiefpunkt gewesen sein.
Ralf Dahrendorf hat die große ideengeschichtliche Hausse im Nachkriegseuropa mit seinem Denken eng begleitet und teilweise geprägt. Er eröffnete eine neue Perspektive auf soziale Konflikte und wurde zum Vordenker der Bildungsexpansion im Deutschland der 1960er und 1970er Jahre. Insbesondere verkörperte er jedoch seit seiner berühmten Diskussion mit Rudi Dutschke eine Spezies, die nun trotz Helmut Schmidts telegenem Zigaretten Rauchen vorläufig ausgestoben zu sein scheint: Dahrendorf war zugleich politischer Intellektueller und intellektueller Politiker.
Die Köpfe, die diese Lücke füllen könnten sind noch nicht zu sehen — weder in der politischen, noch in der akademischen Sphäre. Die deutsche Politik mit Angela Merkel an der Spitze ist von einem nüchternen Handwerkerethos geprägt, Intellektualität ist nicht en vogue. Die Sozialwissenschaften geben sich ihrerseits quer durch die einzelnen Disziplinen internen Schönheitswettbewerben hin, in denen politische Relevanz keine Rolle spielt.
Gesellschaftspolitische Ideen sind so zu einem knappen Gut geworden. Der Globalisierungsschub seit Ende des Kalten Krieges mit seinen vielfältigen Auswirkungen, die sich verschärfende Klimakatastrophe und die informationstechnologische Revolution wurden nicht von maßgeblichen neuen Antworten begleitet. Vor allem der die letzten Jahrzehnte in der westlichen Hemisphäre dominierende Liberalismus hat es dabei versäumt, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen; auf dem von Fukuyma gezimmerten Siegerpodest degenerierte er endgültig zum dürren Wachstumsparadigma. Die Konkurrenz schläft derweil aber ganz genauso.
Natürlich lassen sich neue Ideen und Antworten nicht erzwingen — doch wie in der Wirtschaft kann der Aufschwung durch Investitionen befördert werden. Im Bereich gesellschaftspolitischer Diskurse bedeutet investieren das Formulieren von Fragen. Dafür gibt es kaum Anerkennung, im Gegenteil wird dem Fragesteller zunächst meist vorgeworfen, sinnlos common sense zu verbalisieren. Er erfüllt jedoch für Debatten eine essentielle Funktion: Mit der Frage führt er eine Problemstellung ein und bündelt die Aufmerksamkeit, wodurch die entscheidenden Anreize für eine nachdrückliche Antwortsuche überhaupt erst gesetzt werden.
Auch hier ist Ralf Dahrendorf in seinen letzten Lebensjahren noch einmal vorweg gegangen. Die intellektuelle Baisse nicht akzeptierend hat er sich in mehreren Vorlesungen auf die Suche nach einer „Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert“ begeben. Mit geradezu jugendlichem Nachdruck legt er darin Probleme frei und drängt auf neue Antworten. Diesen Faden gilt es aufzunehmen — vielleicht steht an seinem Ende die nächste Blüte intelligenter Debatten, vielleicht wird an seinem Ende die erste große gesellschaftspolitische Idee des neuen Jahrtausends gedacht. bk.
